Donnerstag, 7. Januar 2010

Einige Gedanken zur Entwicklungshilfe

Nach dem Abitur mit Straßenkindern in Nicaragua arbeiten, sich ein Jahr lang in einem südafrikanischen Township für die Aidsbekämpfung engagieren oder behinderten Menschen in Kirgistan helfen? – mithilfe von Entsendeorganisationen und im Zeitalter der Globalisierung kinderleicht zu verwirklichen. Viele junge Erwachsene zieht es nach der Schule oder während des Studiums in ein Entwicklungsland. Dies ist eine bemerkenswerte Weltoffenheit, Hilfsbereitschaft und Abenteuerlust meiner Generation, aber auch ein umstrittenes Thema, mit dem ich mich kritisch auseinander gesetzt habe:

Ein junger Mensch geht in ein fremdes Land um dort Entwicklungshilfe zu leisten.
Genaugenommen möchte er einem Land und seinen Menschen helfen sich (weiter-) zu entwickeln, obwohl ihm die Kultur, die Land und Menschen prägt völlig fremd ist, und er auch sonst noch nicht viel Lebenserfahrung hat – geschweige denn eine Ausbildung in der Entwicklungszusammenarbeit.
Aus welchen Gründen möchte ich also Entwicklungshilfe in Nepal leisten?

Ich denke, dass es für mich, die ich das Glück habe zu der wohlhabenden Minderheit der Weltbevölkerung zu gehören, wichtig ist, Armut nicht bloß aus dem Fernsehen zu kennen, sondern sie zu erfahren. Die Armut wirklich in mein Bewusstsein aufzunehmen, indem ich für eine Zeit lang in einem armen Land lebe und arbeite.
Das ist wichtig, weil ich als Bürgerin eines hochentwickelten und reichen Landes wie Deutschland Verantwortung trage. Diese Verantwortung bedeutet nicht, dass ich Menschen in einem Entwicklungsland von meinen westlichen Werten, Moralvorstellungen und politischen Einstellungen versuche zu überzeugen. Nein, diese Verantwortung bedeutet, dazu beizutragen, dass die Grundbedürfnisse der hilfebedürftigen Menschen erfüllt werden und somit seine Würde bewahrt wird.
In einer Zeit meines Lebens, in der mir noch alle Wege offen stehen und in der ich noch viele Ideale und Kräfte habe, möchte ich diese Verantwortung ganz konkret übernehmen und zwar durch meine Mitarbeit in einem Entwicklungshilfe-Projekt.
Auch wenn ich fachlich keine Ahnung von nachhaltiger Entwicklungszusammenarbeit habe, so hoffe ich, dass zumindest die Geste, mit der ich nach Nepal gehe, nachhaltig wirken kann.
Indem ich mich als Freiwillige engagiere, möchte ich den Menschen dort zeigen:
Ihr seid uns westlichen Menschen nicht gleichgültig! Ich interessiere mich für eure Kultur und die Ungerechtigkeiten, die euch widerfahren und ich werde in meinem Heimatland davon erzählen!

So hoffe ich, in einem kleinen Schritt dazu beitragen zu können, dass unserer Welt nicht bloß wirtschaftlich zusammenwächst (bedingt durch die Globalisierung), sondern auch bewusstseinsmäßig. Und dass aus diesem Bewusstsein heraus immer mehr Menschen beginnen, Mitgefühl zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen – sei es auch bloß im kleinsten alltäglichen Rahmen.
Verantwortung für diejenigen Menschen, für die die Erfüllung der täglichen Grundbedürfnisse keine Selbstverständlichkeit ist.